Die StromPreise klettern weiter
Endlich mal gute Nachrichten für Privathaushalte zu Weihnachten. „Hält der Trend an, dürften die Strompreise für Privatkunden zurückgehen“, verkündete jüngst E.on-Energie-Chef Klaus-Dieter Maubach. Wie immer hat die Sache aber einen großen Haken: Günstiger wird es erst im Jahr 2010. Zum bevorstehenden Jahreswechsel steigen die Tarife für die E.on-Kunden erst einmal um zehn Prozent.
Die meisten deutschen Haushalte trauten in den vergangenen Wochen ihren Augen kaum. In den Briefkästen fand sich eine Nachricht des örtlichen Versorgers. Zentrale Botschaft: Strom wird zum Jahreswechsel teurer. Wie schon im vergangenen Jahr. Und dem Jahr davor. Wer regelmäßig die Nachrichten verfolgt, wähnt sich in einem anderen Universum. Die Rohstoffpreise fallen ins Bodenlose. Allein Öl hat sich seit dem Sommer gedrittelt. Warum um alles in der Welt steigen jetzt die Stromtarife? Stoßen sich die großen Versorger etwa gesund? Ja und nein. RWE & Co. profitieren von hohen Strompreisen – aber sie haben auch gestiegene Kosten.
Mitten in der Rezession erhöhen 354 deutsche Stromversorger zum Jahreswechsel die Preise, ermittelte das Verbraucherportal Verivox. In der Spitze wird es 21 Prozent teurer. Im Durchschnitt steigen die Grundtarife um 8,5 Prozent. Für viele kommt das überraschend.
Verkehrte Welt
Die Erhöhungen in den vergangenen Jahren begründeten die Energieanbieter immer mit den so drastisch gestiegenen Rohstoffkosten. Doch hier gab es zuletzt eine rasante Talfahrt. Im Juli kostete ein Barrel Rohöl rund 150 Dollar, aktuell nur noch 45 Dollar. Auch der Kohlepreis hat sich seither mehr als halbiert. Eigentlich müssten also auch die Strompreise sinken und nicht steigen.
Energiekonzerne argumentieren anders. Sie kaufen Teile des Stroms, der im kommenden Jahr benötigt wird, über die Leipziger Strombörse EEX ein. Über Terminkontrakte. Damit begannen sie schon im Sommer 2007. Damals kostete die Megawattstunde Strom, Lieferung im Jahr 2009, rund 60 Euro. Diese Kontrakte verteuerten sich bis zum Sommer dieses Jahres auf gut 90 Euro. Inzwischen sind die Kurse wieder auf rund 55 Euro gefallen.
Für Stromkunden heißt das: Der Rückgang kam zu spät. E.on & Co. haben ihren Strom für 2009 bereits eingekauft und abgesichert. Und das in der Phase, als die Kontrakte auf 90 Euro kletterten. Verbrauchern bleibt also nur die Hoffnung, dass der jüngste Trend anhält. Denn die Kontrakte für das Jahr 2010 entwickeln sich parallel zu denen für 2009. Da die Versorger jetzt dabei sind, den Strom für das übernächste Jahr einzukaufen, müssen die Tarife nach der Logik dann endlich fallen. Es sei denn, es gibt bis Sommer 2009 noch einen rasanten Anstieg an der Strombörse.
Die Preise für Öl, Benzin und Diesel werden wieder erträglich – doch für Licht, Herd und Gasheizung müssen die Kunden 2009 bis zu 500 Euro mehr hinblättern als noch vor einem Jahr. Ein Vergleich bei den Stadtwerken im Norden Sachsen-Anhalts ergibt : Gas wird bis zu 31 Prozent teurer, Strom um bis zu 9 Prozent.
Magdeburg. Einige Versorger haben angekündigt, die Gaspreise im ersten Quartal 2009 wieder etwas zu senken. Aber : Die neuen abgesenkten Preise liegen dennoch höher als die Tarife von Anfang 2008. Beispiel E. on-Avacon : Der Arbeitspreis je Kilowattstunde sinkt am 1. Februar von 8 Cent auf 7, 62 Cent. Im August 2008 lag er bei lediglich 7, 07 Cent, im Januar 2008 gar bei 6, 13 Cent. Das heißt Avacon-Gaskunden müssen im ersten Quartal 2009 trotz Preissenkung 21 Prozent mehr zahlen als Anfang 2008.
Ähnlich verhält sich das beim Gasversorger EMS, der unter anderem Staßfurt, Schönebeck und Zerbst beliefert : Trotz Nachlass im März liegt das Preisniveau fast 13 Prozent über dem vom Januar 2008.
Den mit 33 Prozent heftigsten Zuwachs müssen die Kunden der Stadtwerke Stendal ertragen. Ihr Sprecher Rolf Gille sagte : ” Wir hoffen, diesen Preis spätestens zum 1. April 2009 wieder deutlich senken zu können. ”
Entlastung bei den Gaspreisen gibt es allein in Wernigerode : Die Stadtwerke boten noch vor einem Jahr lediglich einen Grundpreistarif an, der generell teurer ist ; nunmehr wird den Kunden auch ein spezieller Privatkundentarif angeboten, der weniger kostet. Zudem haben die Wernigeröder dem Vernehmen nach den Vorlieferanten gewechselt.
Die Differenz zwischen Gas und Öl ist derzeit so krass wie lange nicht :
2000 Liter Heizöl ( Heizwert etwa 20 000 Kilowattstunden ) sind derzeit für knapp 1100 Euro zu haben.
Die entsprechende Menge Gasheizleistung kostet im Dezember bei vielen Anbietern um die 1700 Euro.
Vor einem Jahr lagen Öl und Gas mit etwa 1400 Euro gleichauf.
Die Landeskartellbehörde wird im Januar die Kalkulationen von zehn besonders teuren Gasversorgern unter die Lupe nehmen und die Preise auf Plausibilität prüfen.
Der Bundesgerichtshof entschied gestern, dass Preissteigerungen auch für den Kunden klar nachvollziehbar begründet werden müssen.
Fachleute und Wettbewerbshüter verweisen auch auf die unterschiedliche Einkaufspolitik der Stadtwerke und Regionalversorger. Wer mit dem großen Gas-Vorlieferanten Verträge hat, die voll an den Ölpreis gekoppelt sind, hat meist weniger Spielräume für schnelle Preissenkungen. Denn der Gaspreis folgt in jenen Fällen dem Ölpreis der vorausgegangenen sechs Monate. Andere Stadtwerke hingegen kaufen einen Teil des Gases ohne Ölpreisbindung ein. Diese Mix-Strategie ist nach Einschätzung der Wettbewerbshüter meist günstiger für die Kunden.
Diese Beschaffungskosten machen gemeinhin 50 Prozent des Preises für den Kunden aus. Hinzu kommen Strom- und Mehrwertsteuer sowie Konzessionsabgaben, die mit etwa 30 Prozent zu Buche schlagen. Der Rest sind Netzentgelte ( 15 % ) und die Marge für Eigenkosten und Gewinn ( 5 % ).
Der Unterschied zwischen den lokalen Anbietern ist enorm : So zahlt eine Familie in Stendal etwa 30 Prozent mehr als in Magdeburg, in Havelberg und Salzwedel sind es immer noch gut 20 Prozent mehr.
Wirtschaftsminister Reiner Haseloff ( CDU ) sagte gestern der Volksstimme : ” Wir wollen und werden wie in den Vorjahren die Ausreißer einholen, zumindest auf das übliche Niveau zurückholen. ” Im März 2008 konnte die Haseloff unterstehende Landeskartellbehörde bei vier Versorgern die Preise um 12 Prozent drücken. Namen nennt Haseloff nicht, um die Unternehmen zur Transparenz zu bewegen und im Sinne der Kunden etwas zu bewegen.
Insgesamt bewertet Haseloff die Eingriffsmöglichkeiten der Kartellbehörden als zu gering. ” Da muss mehr Biss rein. ” Auch auf Bundesebene, da nur diese Ein uss auf die großen Gasunternehmen hat, die die Stadtwerke beliefern. ” Das Bundeskartellamt ist aufgefordert, sich aus den aus meiner Sicht unzureichenden Wettbewerb auf der Vorlieferantenstufe zu kümmern “, sagte Haseloff.
Gibt es preisgünstigere Alternativen ? Im Gegensatz zum Strom hält sich marktbelebende Konkurrenz auf dem Gasmarkt immer noch in engen Grenzen. In einigen Kreisen ( wie Salzlandkreis ) kann der mitteldeutsche Versorger Envia M aus Chemnitz interessant sein, er bietet 20 000 Kilowattstunden Gas für knapp 1500 Euro pro Jahr mit Preisgarantie bis Ende 2010 an. Neu am Gasmarkt ist das Hamburger Unternehmen Lichtblick, das mit 1650 Euro preisgünstiger als einige Lokalanbieter ist. Mehr Informationen zum Anbieter, seinen Tarifen und Konditionen bieten entweder das Internet ( www. verivox. de oder www. tarifvergleich. de ) oder die Verbraucherzentralen. Diese beraten in ihren Büros ( z. B. in Magdeburg, Salzwedel, Stendal, Halberstadt ) und zudem in 18 Energieberatungs-Stützpunkten des Landes – wie in Burg, Calbe, Genthin, Schönebeck, Wolmirstedt oder Zerbst. Adressen und Öffnungszeiten sind auch im Internet der Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalts abrufbar ( www. vzsa. de ).
Beim Strom fallen die Preisanstiege moderater aus. Hier ist der Wettbewerb auch stärker. Bei einigen Anbietern können Haushalte im Jahr 100 und mehr Euro sparen. Bei einigen zahlt man die gewohnten Monatsabschläge, andere verlangen eine Kaution, und wieder andere offerieren besonders niedrige Tarife, wenn man die gesamte Jahresstrommenge im Voraus kauft. Auch hier geben Verbraucherportale im Internet oder die Energieberater in den Verbraucherschutzzentralen Tipps, welcher Tarif zu welchem Haushalt am besten passt.
Einige Tausend Haushalte wechselten 2007 und 2008 vom heimischen Versorger zu Wettbewerbern wie Yello, Lichtblick, E wie Einfach oder Flexstrom. ” Wir haben bislang 35 000 Kunden aus Sachsen-Anhalt “, sagte Thomas Müller, Sprecher des Stromverkäufers Teldafax aus Troisdorf ( Nordrhein Westfalen ). Deutschlandweit seien es 400 000 Kunden und deutlich mehr als erwartet.
Dennoch : Die meisten der 1, 2 Millionen Haushalte in Sachsen-Anhalt sind bei ihrem lokalen Stromanbieter vor Ort geblieben.