Die Wüste ruft
Die deutsche Wirtschaft hofft mit dem Bau riesiger Solarkraftwerke in Wüstenregionen auf einen Milliardenmarkt. Führende Technologiefirmen der Energiebranche wie Siemens und Schott Solar wollen die Pläne vorantreiben, um lukrative Aufträge für das Prestigeprojekt an Land zu ziehen.
Der ehrgeizige Zeitplan, bereits in zehn Jahren den ersten Strom auf Afrika zu importieren, sei technisch machbar, kündigte Siemens-Projektchef Bernd Utz im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung an.
Innerhalb von drei Jahren wollen 20 deutsche Konzerne konkrete Pläne für den Bau von Solarthermie-Kraftwerken in Nordafrikas Wüsten vorlegen. Die beteiligten Firmen begreifen das Vorhaben längst nicht mehr als ferne Vision. “Das Projekt liegt seit 30 Jahren in der Schublade, jetzt wird es erstmals technisch realisierbar”, sagt Utz am Freitag weiter. Es gehe um ein “bahnbrechendes” Projekt.
“Die Bauzeit für die Anlagen, wie etwa Solarkraftwerke und Übertragungsleitungen, liegt zwischen zwei und vier Jahren”, sagte Utz weiter. Das Münchner Unternehmen will die zentralen Bauelemente für das gigantische Projekt selbst liefern, um so von den Milliardenaufträgen mit zu profitieren: “Siemens kann die wichtigsten Teile für Desertec liefern: Hochspannungs-Übertragungssysteme für Gleichstrom, Dampfturbinen, Receiver und die Leittechnik für Solarthermie”, erklärt Utz.
Dass Strom künftig kostengünstig, klimaschonend und zuverlässig unter Afrikas Sonne produziert werden kann, dürfte ganze Branchen verändern, schwant den beteiligten Managern. Die Forscher des Club of Rome hatten den Modellentwurf namens Desertec bereits vor Jahren entwickelt.
Solarfabriken, die mit riesigen Spiegeln die Kraft der Sonne bündeln, Spezialöl erhitzen und schließlich Wasserdampf für den Antrieb von Turbinen produzieren, liefern bereits in den USA und in Spanien Strom für erste Haushalte und Unternehmen. Die Kraftwerke können die Sonnenenergie speichern und selbst dann Strom erzeugen, wenn die Sonne nicht scheint.
Wie sich die Elektrizität ohne große Verluste auch über lange Distanzen transportieren lässt, ist inzwischen auch kein Geheimnis mehr – vorausgesetzt, alle Länder, durch die der Strom durchgeleitet wird, spielen mit. Daher ist sich Utz sicher: Die Herausforderungen der Zukunft sind nicht mehr technischer Art.
“Die Technologie ist nicht der Punkt”, sagt der Siemens-Manager. “Das Problem sind die häufig langen Genehmigungszeiten. Um zum Beispiel Hochspannungsleitungen zügig bauen zu können, muss die Politik helfen”, fordert Utz.
Tatsache ist: Trotz aller wissenschaftlicher Fortschritte kann das Projekt an bürokratischen Fallstricken scheitern, an kleinen, unvorhersehbaren Details. Utz appelliert daher an die politisch Verantwortlichen: “Wir wünschen uns Unterstützung bei lokalen Genehmigungen. Die deutsche Politik kann außerdem helfen, wenn es darum geht, die betroffenen Mittelmeer-Anrainerstaaten wie Italien und Spanien von dem Projekt zu überzeugen.”
Der Unterstützung Berlins kann sich die Industrie sicher sein. Zuletzt hatte Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) die Initiative ausdrücklich begrüßt und gesagt: “Die Errichtung solcher Kraftwerke in Verbindung mit einem Stromverbund im Mittelmeerraum liegt im europäischen Interesse.” Allerdings sei das Vorhaben “sehr ambitioniert” und bedürfe erheblicher finanzieller Anstrengungen.
Auch das Solartechnik-Unternehmen Schott Solar verspricht sich von dem Projekt lukrative Aufträge. Die Solarenergie erlebe eine Renaissance, sagt Schott-Solar-Chef Martin Heming. “Es geht um einen erheblichen Zukunftsmarkt”, so der Manager.
Ein Großteil der Milliardeninvestitionen werde in die Technologie fließen; für die Solarbranche sei das Projekt daher ein Segen. Wegen der Wirtschaftskrise war die Nachfrage nach Produkten dieser Art zuletzt stark zurückgegangen. Die Preise sanken, die Gewinne der Branche gerieten unter Druck.
Desertec sorge bei den Unternehmen wieder für Aufbruchstimmung. Utz: “Siemens erwartet einen kräftigen Anstieg der erneuerbaren Energien bei der Stromerzeugung . Noch liegt der Anteil bei drei Prozent, wir erwarten aber, dass er sich in den nächsten 20 Jahren auf dann 14 Prozent etwa verfünffachen wird.”
Der Startschuss für die größte private Ökostrom-Initiative aller Zeiten wird am 13. Juli in den Räumen der Münchener Rück fallen. Dann werden Vertreter aus Wirtschaft und Politik diskutieren, wie sich das Projekt in den kommenden Jahren realisieren lässt – und dabei ein Konsortium gründen, dem dann auch die Deutsche Bank angehören soll. Ihre Aufgabe: Sie soll die Finanzierung des Milliardenprojekts mit Hilfe anderer Investoren organisieren.
In Deutschland stehen 20 Millionen Gebäude, auf denen Solarstrom erzeugt werden kann. Warum also der Umweg über Afrika? Richtig ist natürlich, dass in Afrika mehr Sonne scheint. Aber richtig ist auch, dass über lange Leitungen zirka 15 Prozent des Stroms verloren gehen und für den Transport viel Geld bezahlt werden muss.
In deutschen Großstädten können auf den heute vorhandenen Dach- und Fassadenflächen 70 Prozent und in Dörfern sogar 100 Prozent Solarstrom erzeugt werden. Schon in vier Jahren wird Solarstrom in Deutschland nicht mehr kosten als konventionell erzeugter Strom. In solarthermischen Großkraftwerken in Afrika erzeugter Strom wird in Deutschland teurer werden und wird noch zehn bis 20 Jahre auf sich warten lassen. Photovoltaik-Anlagen auf hiesigen Hausdächern können jedoch sofort installiert werden. Warum also sollen hiesige Dächer massenhaft umsonst in der Gegend herumstehen, während wir unseren Strom über 3000 Kilometer teuer nach Deutschland transportieren? Warum so kompliziert, wenn es auch einfach geht? Warum in die Ferne schweifen?
In solarthermischen Großkraftwerken erzeugter Strom hat freilich den Vorteil, dass er speicherbar ist und auch nachts genutzt werden kann, wenn die Sonne nicht scheint. Die Technik ist bereits in Spanien und Kalifornien erprobt und sie macht auch Sinn, um für Millionenstädte wie Kairo und Alexandria, Tunis und Algier Strom zu produzieren. Aber in Mitteleuropa ist das Speicherproblem preiswerter und schneller durch einen Mix aus allen erneuerbaren Energiequellen zu lösen als über lange Transportwege. Der Wind weht oft, wenn die Sonne nicht scheint und Erdwärme, Biomasse und Wasserkraft können fehlendes Sonnenlicht ebenfalls ausgleichen. Die Gewinner dieser dezentral organisierten Energiewende sind dann freilich nicht die wenigen alten Energieversorger, sondern Millionen Hausbesitzer sowie hunderttausende Bauern, Handwerker und Mittelständler.
Ein großes Problem einer sicheren Energieversorgung ist heute die Abhängigkeit vom Ausland. Daran ändert sich gar nichts, wenn wir von einer Abhängigkeit in die andere schlittern. Sichere Energieversorgung gelingt nur nach dem Motto: „Aus der Region für die Region“ wie es in dieser Woche über 100 deutsche Kommunen und Landkreise angekündigt haben.
Der Chef des Energiekonzerns Vattenfall hält das Projekt zur Versorgung Europas mit Strom aus der Sahara für unrealistisch. Vor allem die Transportkosten wären sehr hoch, sagte Lars Josefsson der “Financial Times Deutschland”. Auch der Leiter der Deutschen Energieagentur (dena), Stephan Kohler, kritisierte die hohen Kosten für die Strom-Leitungen von Nordafrika nach Europa.
Die für das Wüstenstrom-Projekt benötigten 400 Milliarden Euro seien “verdammt viel Geld”, sagte Josefsson der Zeitung. “Ich halte das nicht für realistisch.” Zu den hohen Transportkosten komme das Risiko terroristischer Anschläge, gab der Vattenfall-Chef zu bedenken.
Greenpeace-Energieexperte Andree Böhling erklärte dagegen, die größte Gefahr gehe von alten Atomreaktoren aus, von denen keiner gegen einen terroristischen Anschlag geschützt sei. Josefsson habe sich mit seiner Ablehnung des Wüstenstrom-Projekts als “Chef-Lobbyist für Atom- und Kohlekraft” gezeigt.
Dena-Chef Kohler begrüßte im Deutschlandradio Kultur zwar den möglichen Einstieg deutscher Konzerne in Solarthermie-Projekte in Nordafrika. Den Strom nach Deutschland zu transportieren, sei aber “nicht sinnvoll”, sagte er. Dagegen spreche auch nicht der Einwand, dass auch Erdgas derzeit über lange und teure Leitungen nach Deutschland gelange.
Die Versicherungsgruppe Münchner Rück hatte die Wüstenstrom-Initiative vor einer Woche angekündigt. Erneuerbarer Strom aus Solarwärme-Kraftwerken soll in Nordafrika produziert und über neue Hochspannungsnetze – teils am Grund des Mittelmeers – nach Europa transportiert werden. Das Konzept läuft unter dem Namen Desertec und basiert auf Studien des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt im Auftrag des Bundesumweltministeriums. Das Projekt wird von zahlreichen Unternehmen unterstützt, laut “FTD” auch von den Vattenfall-Rivalen Eon und RWE.
Vattenfall-Chef Josefsson will an Kohlekraftwerken festhalten. Diese müssten allerdings mit neuester Technologie betrieben werden, um CO2-Emissionen zu verhindern. Die höheren Kosten will der Vattenfall-Chef an die Kunden weitergeben.
Kohler sagte im Deutschlandradio Kultur, die Bundesrepublik sollte weiterhin mit einem Energiemix aus Wind und Biomasse sowie der Verbrennung fossiler Brennstoffe in effektiven Kraftwerken versorgt werden. Die dena wird überwiegend vom Bund und der staatlichen Förderbank KfW finanziert. Gesellschafter sind zudem die Allianz, die Deutsche Bank und die DZ Bank.
Es geht nicht nur um eine Energiewende, sondern um eine Energierevolution: Durch die Errichtung riesiger Solarstromanlagen in den Wüstengebieten des nördlichen Afrika soll auf dem Wege des Energieexports ein beträchtlicher Teil der europäischen Stromversorgung gedeckt werden. In zehn Jahren bereits – so hoffen unter anderen die Deutsche Bank, Siemens, RWE und die Münchner Rückversicherung – soll der erste Strom fließen, in spätestens fünfzehn Jahren der afrikanische Solarstrom gegenüber anderen Energieträgern wettbewerbsfähig sein. Bis zum Jahr 2050 wird das Projekt mindestens 400 Milliarden Euro kosten. Peanuts – wenn man bedenkt, dass damit die Abhängigkeit von endlichen fossilen Energieträgern wie Kohle, Öl und Gas verschwinden würde. Unbegrenzte Energie, so lautet das Versprechen, wird vorhanden sein – zu stabilen Preisen und CO2-neutral.
Desertec könnte auch eine Belebung der politischen “Union für das Mittelmeer” bewirken, die seit ihrer Gründung im Jahr 2008 stagniert. Natürlich gibt es zahlreiche Konfliktfelder, auf denen Desertec scheitern könnte – vor allem im Bereich der Umwelt- und Entwicklungspolitik. Von den finanziellen Risiken ganz zu schweigen, die auch die Münchner Rückversicherung, einer der Hauptakteure von Desertec, nicht zu schultern vermag.
Desertec ist ein tollkühnes Wüstenprojekt – aber keine Fata Morgana, wie Hermann Scheer, der Energieexperte der SPD, unkt. Befürworter weisen auf Projektvorläufer hin, die funktionieren. Dazu gehören der Solar Grand Plan der USA in der Mojave-Wüste sowie spanische Anlagen wie das Solarthermische Kraftwerk Andasol in der Provinz Granada und das Kraftwerk Solar Tres. Planungen für ähnliche Anlagen gibt es in Ägypten, Algerien und Marokko, in Jordanien und Libyen. Bereits in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts hatte der Club of Rome ein Projekt zur Erzeugung und zum Export von Solarstrom vorgelegt. Mit dem Hamburger Klimaschutzfonds und dem Jordanischen Nationalen Energiezentrum bildete er später die Trans-Mediterranean Renewable Energy Cooperation (TREC). Bemerkenswert dabei war die Sensibilität, mit der auf den notwendigen Nutzen des Projekts vor Ort geachtet wurde. Dazu zählten der Plan eines Solarthermischen Kraftwerks im Gazastreifen sowie das Sana’a Solar Water Project in der Hauptstadt des Jemen – beides Vorhaben, die den drohenden Ausfall der Trinkwasserversorgung verhindern sollten.
Berliner Wissenschaftler erfasste bei der Vorstellung von Desertec ein Gefühl des déjà vu. Grund dafür war ein knapp 300 Seiten umfassender Forschungsbericht “Sonnenenergie”, den 1990 die Westberliner Akademie der Wissenschaften vorlegte. Der Forschungsbericht blieb weitgehend folgenlos, denn im gleichen Jahr wurde die 1987 vom CDU-Senat gegründete Akademie vom neugewählten SPD-AL-Senat wieder aufgelöst.
Die Westberliner Akademie war nicht wie andere Wissenschaftsakademien in Klassen gegliedert. Sie bestand aus fächerübergreifenden Arbeitsgruppen, die auf Zeit gebildet wurden. Ein Schwerpunkt lag im Bereich der Politikberatung. Der erste Forschungsbericht wurde von der Arbeitsgruppe “Langfristige Chancen der Sonnenenergienutzung” vorgelegt. “Zukunftssicherung durch Chancenwahrnehmung” war das Motto. Die aktuelle mangelnde Wirtschaftlichkeit des aus Sonnenenergie erzeugten Stroms sollte weder die wissenschaftliche Forschung noch die politische Fantasie einer Energiekooperation über kontinentale, kulturelle und ideologische Grenzen hinaus hemmen.
Neben der Solarthermik und der Fotovoltaik widmete der Forschungsbericht großen Raum der sogenannten “biomimetischen” Sonnenenergienutzung. Dabei geht es um die Entwicklung künstlicher Systeme, die Merkmale der natürlichen Fotosynthese nachahmen. Ein weiterer Schwerpunkt galt den möglichen Formen des Energietransports. Gegenüber dem maritimen Wasserstofftransport wurde die Fernleitung von Elektrizität auf Gleichstrombasis vorgezogen. Der Bericht wirkt noch heute aktuell, weil er das präzise Resümee der naturwissenschaftlichen Grundlagenforschung mit sensiblen Überlegungen zur politischen Machbarkeit eines Energieexports aus Afrika nach Europa verband.
Für die großtechnische Energieerzeugung, so die Verfasser des Berichts, sollte nicht auf Flächen zurückgegriffen werden, die sich für den Ackerbau eignen. Vorzug sollte ariden Gebieten gegeben werden – dünnbesiedelten, sonnenreichen Trockenzonen. Die dafür notwendige “Landnahme” aber stellt mögliche Betreiber vor erhebliche politische Probleme. Es müssen Formen der Nord-Süd-Zusammenarbeit gefunden werden, “die den Entwicklungsperspektiven und ökonomischen Interessen sowie den Lebensformen der südlichen Kooperationspartner gerecht werden”. Eine möglichst hohe Umweltverträglichkeit ist dabei selbstverständlich; politisch-kulturelle Akzeptanz ebenso. Dabei würde sich, so sagten die Verfasser des Berichts voraus, die Zusammenarbeit mit arabischen Ländern als besonders schwierig erweisen. Und noch schwieriger dürfte es sein, so folgerten sie weiter, in islamisch geprägten Ländern eine Akzeptanz für Großprojekte der westlichen Wissenschaft zu finden.
Der Bericht schlug vor, einer Kooperation mit den Maghreb-Ländern Algerien, Marokko, Tunesien sowie Mauretanien Vorrang zu geben. Als ob sie die Argumente von Kritikern des Projekts Desertec vorausahnten, legten die Berichterstatter dabei Wert auf lokale Entwicklungsprojekte zur dezentralen Nutzung der Solarenergie. Das Fernziel war eine neue Form der Zusammenarbeit der Europäischen Gemeinschaft mit den Maghreb-Ländern: Eine Vorahnung der “Union für das Mittelmeer”. Weitreichend war auch die Überlegung, mit der damals noch existierenden Sowjetunion und ihren südlichen Republiken auf dem Gebiet der terrestrischen Anwendung der Fotovoltaik zusammenzuarbeiten.
Die Stärke des Forschungsberichts “Sonnenenergie” lag nicht zuletzt darin, dass er kontroversen Stellungnahmen Raum gab – und doch zu einer gemeinsam getragenen Empfehlung kam: für die energische Weiterentwicklung der Nutzung der Sonnenenergie und den Aufbau eines großflächigen Energieexports aus Afrika nach Europa. In eindrucksvoller Weise bündelte der Bericht die Kompetenzen von Natur- und Geisteswissenschaftlern, von Historikern, Politologen und Spezialisten der arabischen und der muslimischen Welt. Viele Diskussionen, die heute durch Desertec provoziert werden, finden sich bereits im Forschungsbericht “Sonnenenergie” der Westberliner Akademie der Wissenschaften. Die Fortführung der Arbeitsgruppe und ihre politische Unterstützung hätte Berlin eine wesentliche Rolle in einem Projekt wie Desertec sichern können.