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Gasmärkte sind regional

Sie bleibt umstritten: Die 1.200 Kilometer lange North-Stream-Gasleitung vom russischen Wyborg nach Greifswald in Mecklenburg-Vorpommern. Ab 2011 sollen bis zu 55 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr per Unterwasserröhre durch die Ostsee strömen. Doch Anrainerstaaten wie Schweden und auch Estland haben Bedenken angemeldet, sie sorgen sich um Umwelt- wie auch Sicherheitsaspekte.

Mit der North-Stream-Leitung sollen neue Transportkapazitäten geschaffen werden. Noch dazu würde die Pipeline den direkten Anschluss Westeuropas an die russischen Gasvorkommen garantieren. Zurzeit wird das russische Erdgas über Land über mehr als 5.000 Kilometer von Westsibirien nach Deutschland und Westeuropa transportiert.

Da Erdgas leitungsgebunden ist, wird bislang der Großteil über Pipelines transportiert. Dies hat zur Folge, dass Gas sehr viel regionaler gehandelt wird als Erdöl. Zurzeit bestehen vier große Märkte: der europäische Gasmarkt, der vor allem durch Russland, Norwegen, die Niederlande und die Länder Nordafrikas versorgt wird. Der nordamerikanische Markt, wo in erster Linie Kanada die USA mit Erdgas beliefern. Auch in Südamerika entwickelt sich ein Gasmarkt – mit Bolivien als wichtigem Gasproduzenten, Brasilien und Chile als Abnehmern. Auf dem asiatischen Gasmarkt sind die großen Importeure Japan und Südkorea; zu den Gas-Exporteuren zählen Indonesien, Malaysia, Australien sowie die Golfstaaten, vor allem Qatar und Oman.

Flüssiggas als Transportoption

Im Hafen von Ras Laffan im Norden Katars wird ein Spezial-Schiff mit Flüssiggas betankt. Das LNG, das Liquefied Natural Gas, wird von Katar vor allem nach Japan und Süd-Korea exportiert. Das Geschäft mit Flüssiggas soll in den nächsten Jahren stark wachsen. Foto: AP

Auf dem Gasmarkt Asiens wird der Rohstoff nur in geringen Mengen per Pipeline, sondern vor allem als Liquefied Natural Gas (LNG) per Schiff transportiert. Erdgas wird auf -162 Grad Celsius abgekühlt und damit verflüssigt. Das LNG wird dann mit speziellen Hochseetankern befördert. Auch auf dem europäischen Gasmarkt wird Flüssiggas als Transportoption genutzt. Verflüssigtes Erdgas wurde erstmals 1964 von Algerien nach Großbritannien geliefert. 2006 lag der Anteil am weltweit grenzüberschreitend gehandelten Erdgas bei 24 Prozent; wichtigster LNG-Exporteur war Qatar.

Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe prognostiziert mittelfristig eine starke Zunahme beim Handel mit LNG und damit auch eine Entspannung auf dem Erdgasmarkt. Hierzu müssen die Importländer jedoch mehr Anlandeterminals bauen, in denen das LNG in seinen gasförmigen Zustand zurückversetzt und in Pipelines gepumpt wird.

Ab 4.000 Metern Tiefe und 120 Grad

Erdgas besteht zum Großteil aus dem brennbaren Kohlenwasserstoff Methan. Weitere Kohlenwasserstoffverbindungen wie Ethan, Propan und Butan finden sich ebenso darin, außerdem Kohlenstoffdioxid und Schwefelwasserstoff.

Wie auch Erdöl entstand Erdgas aus organischem Material. Es bildete sich vor etwa 15 bis 600 Millionen Jahren – aus abgestorbener Biomasse unter Luftabschluss, erhöhten Temperaturen und hohem Druck. Oft findet sich Erdgas gemeinsam mit Erdöl, da beide auf ähnliche Weise entstanden sind. Vor Jahrmillionen bildete sich Faulschlamm: abgestorbene und auf den Grund der damaligen Ozeane abgesunkene Organismusreste – Pflanzen und Kleinstlebewesen – konnten wegen Sauerstoffmangel nicht verwesen. Darüber lagerten sich Ton- und Sandschichten ab, die das tote organische Material immer weiter in die Tiefe drückten. Druck und Temperatur nahmen zu.

In einer Tiefe von 4.000 bis 6.000 Metern und einer Temperatur von 120 bis 180 Grad Celsius liefen komplexe chemische Prozesse ab, die schließlich zur Bildung von Erdgas führten. Nach der Erdgaswerdung wurden die Kohlenwasserstoffe durch den enormen Druck nach oben, Richtung Erdoberfläche, gepresst und zwar soweit, bis sie durch eine dichte Schicht aus Ton, Sand- oder Kalkstein gestoppt wurden und sich sammelten. So bildeten sich große Lagerstätten.

Der Gebrauch von Erdgas lässt sich bis in das Altertum zurückverfolgen. Doch erst mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts wurde Erdgas systematisch genutzt. Zunächst wurde Erdgas oft nur als Begleitgas bei der Förderung von Erdöl gewonnen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gewann der Rohstoff zunehmend an Bedeutung, es entwickelten sich erste regionale Gasmärkte, und Erdgas wurde zu einem eigenständigen energiewirtschaftlichen Sektor.[1]

Gefördert wird auch in Deutschland

Der Großteil des Erdgases wird heute an Land gewonnen. Ein geringerer Anteil wird offshore gefördert, also vor der Küste. Auch in Deutschland finden sich Erdgasfelder: 2007 wurden knapp 19 Milliarden Kubikmeter gefördert, das entsprach 166 Milliarden Kilowattstunden. Über 90 Prozent davon in Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Der Verbrauch lag jedoch bei 960 Mrd. kWh. Die restlichen rund 85 Prozent wurden importiert, vor allem aus Russland (37 Prozent), Norwegen (26 Prozent) und den Niederlande (18 Prozent). In Deutschland versorgt ein weit verzweigtes, rund 360.000 Kilometer langes Pipeline-System die Gaskunden. Zunehmend wird Erdgas zur Wärmeerzeugung eingesetzt. Beim Neubau von Wohnungen in Deutschland liegt die Gasheizung vorn: 2007 hatte sie bei den zum Bau genehmigten Wohnungen einen Marktanteil von rund 66 Prozent. Ebenso wird Erdgas zur Stromerzeugung eingesetzt: 2007 trug der Rohstoff knapp 12 Prozent zur Bruttostromerzeugung bei.

Erdgas wird wichtiger

Nach Öl und Kohle ist Erdgas der drittwichtigste Energieträger weltweit. 2007 wurden 24 Prozent des weltweiten Primärenergieverbrauchs mit Erdgas gedeckt. Bei gleich bleibendem Verbrauch und Förderung werden die bestehenden bekannten Weltreserven in schätzungsweise 60 Jahren erschöpft sein. Doch man vermutet weitere Erdgasressourcen, die noch nicht erschlossen sind.

Ähnlich wie beim Erdöl konzentrieren sich die Vorkommen beim Erdgas auf nur wenige Länder. Mehr als die Hälfte der Welt-Gasreserven finden sich in nur 3 Ländern: Russland, Iran und Qatar. Die größten Verbraucher sind die USA, Russland und Iran. Deutschland liegt beim Gasverbrauch weltweit auf Rang 7.

Erdgas hat in den letzten Jahren an Bedeutung bei der Energieversorgung gewonnen. In Anbetracht steigender Ölpreise wird der Rohstoff zunehmend zur Alternative. Laut Internationaler Energieagentur wird Erdgas unter den fossilen Energieträgern in den kommenden Jahren am stärksten zulegen. Außerdem hat Erdgas aufgrund seiner chemischen Zusammensetzung eine bessere Klimabilanz als Öl und Kohle: Bei der Verbrennung werden geringere Emissionen freigesetzt. Doch neben der Transportfrage beim Gas, die in Westeuropa wohl vorläufig per Pipeline geregelt wird, bleibt das Problem der Importabhängigkeit bestehen – zumindest für Deutschland.


8 Reaktionen zu “Gasmärkte sind regional”

  1. reinxen

    Ortsgebundene Preise

    Die größten vermuteten Erdgasreserven liegen im Nahen Osten, gefolgt von Russland, so Wirl. “Auch wenn sich die Transporttechnologien verbessern, wird es zu keinem globalen Gas-Weltpreis kommen und die Preise werden ortsgebunden bleiben”, erklärt Yuri Yegorov, “weil die Transportkosten noch immer achtmal höher sind als bei Öl.” Deswegen wenden Wirl und Yegorov in ihrem Forschungsprojekt auch Theorien der räumlichen Ökonomie und der intertemporalen Optimierung an

  2. reinxen

    Gas-Preis-Modell

    Hohe Infrastruktur- und Transportkosten spielen im Gasmarkt also eine zentrale Rolle. Während beispielsweise die Preise von Elektrogeräten heute in der westlichen Welt vergleichbar sind, gilt das für Rohstoffe nicht. Daher soll das ökonomische Gas-Preis-Modell, das Wirl und Yegorov entwickeln, auch die Unterschiede bei den Transportkosten berücksichtigen. Die beiden Ökonomen gehen in ihrem Modell davon aus, dass die Nachfrage nach Erdgas stark bleiben wird, auch falls man wegen der globalen Erwärmung zunehmend von Brennstoffen abkommt, denn Erdgas hat einen niedrigen CO2-Ausstoß.

  3. reinxen

    Macht der Käufer

    In den derzeitigen öffentlichen Debatten werde oft übersehen, dass auch die Käufer eine gewisse Macht haben, weil die Produzenten bereits viel in die Infrastruktur investieren müssen, bevor sie Geld dafür erhalten, so der Volkswirt. Denn der Transport von Gas ist aufwändig und kostenintensiv: Noch bevor der erste Liter Gas fließt, investieren die Produzenten schon Milliarden Dollar in den Bau von Pipelines oder LNG-Technologien, die Gas verflüssigen (liquid natural gas) und so verschiffbar machen.

  4. reinxen

    … und Diversifizierung

    Weiters hinterfragen Wirl und Yegorovic die offizielle EU-Politik kritisch, die darauf abzielt ihre Gaslieferungen vermehrt von unterschiedlichen Gaslieferanten zu beziehen, um Abhängigkeiten zu vermeiden. Das aktuellste Beispiel dafür ist das Nabucco-Pipeline-Projekt, das die EU mit kaspischen und iranischen Erdgasvorkommen verbinden und so neue Gasquellen für Europa erschließen soll. “Mittelfristig ist das eine Möglichkeit, um die Abhängigkeit von Russland zu vermindern, langfristig zwingt das Russland jedoch dazu, in andere Lieferstrukturen in asiatischen oder amerikanischen Märkten zu investieren”, gibt Franz Wirl zu bedenken.

  5. reinxen

    Europas Gasmarkt: Liberalisierung …

    Die größten Gaslieferanten für den europäischen Markt sind Russland, Norwegen, die Niederlande und Algerien. Wesentlich für Europa sind die Entscheidungen der russischen Politiker, glaubt Wirl: “Je billiger die nationalen Gaspreise in Russland und in den Transitländern sind, desto weniger Gas fließt nach Europa.”
    Auf der Nachfrageseite ist der Gasmarkt davon gekennzeichnet, dass die Europäische Union in den letzten Jahren neben den Strom- auch die Gasmärkte liberalisierte. Doch das führte bisher nicht wirklich zu gewünschten Ergebnissen wie Preissenkung und Wettbewerb. “Liberalisierung bringt in diesem Bereich möglicherweise Probleme bei Investitionen in Infrastruktur, die beim Gasmarkt sehr hoch sind”, erklärt Yegorov.

  6. reinxen

    Beispiel Russland

    “Der russische Präsident beispielsweise berücksichtigt nicht nur Gewinne, sondern überlegt sich, was es für seine Wählerstimmen bedeutet, wenn für russische Staatsangehörige selbst zu wenig Gas vorhanden ist oder die Preise zu hoch sind”, erklärt Franz Wirl die theoretischen Annahmen.
    Auch die Preissteigerungen in Russlands Nachbarländern sind nicht auf ökonomische Gründe zurückzuführen, sondern Ausdruck von Russlands Macht. Wenn sich Transitländer wie Polen oder die Ukraine dagegen wehren und – wie 2006 in Weißrussland geschehen – drohen, die Pipelines für Gaslieferungen Richtung Deutschland abzusperren, wirkt sich das auf die Preise in Westeuropa aus. Für Ökonomen schwer zu berechnen ist außerdem, wenn Transitländer Pipelines entlang der Route anzapfen.

  7. reinxen

    Public Choice: Individuellen Gewinn maximieren

    Eine besondere Herausforderung für die Volkswirte ist, dass Politik bei der Preisgestaltung am Gasmarkt eine zentrale Rolle spielt. Nicht nur Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis, sondern auch politische Macht. Daher integrieren sie Überlegungen der “public-choice-Theorien” in ihr Modell. Diese neue politische Ökonomie geht davon aus, dass auch politische Akteure individuell rational handeln und immer auch ihren (privaten) Nutzen berücksichtigen. Daher ist es naheliegend, dass PolitikerInnen einem Wahlerfolg sinnvolle wirtschaftliche Maßnahmen opfern.

  8. reinxen

    Seit einigen Jahren sind Russlands Gasmacht sowie drohende Versorgungslücken bei Gas in Europa ein ständiges Thema in den Medien. “Umso erstaunlicher ist, dass dieses aktuelle Thema in der Forschung wenig Beachtung findet”, sagt Univ.-Prof. Dr. Franz Wirl von der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften. In einem vom Jubiläumsfond geförderten Forschungsprojekt analysieren er und sein Projektmitarbeiter Dr. Yuri Yegorov seit Jänner 2008 Gasmärkte in Europa und fragen nach Preisdifferenzierungen, Oligopolen (viele Anbieter, wenige Nachfragen), politischen Zusammenhängen und Transitproblemen. Sie wollen ein ökonomisches Modell entwickeln, mit dem sich erklären lässt, welche wirtschaftliche und politische Entscheidung unter welchen externen Bedingungen optimaler ist.

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